Briefmarkensammlerverein Berliner Bär e.V. in Berlin
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James Brooke Radja of Sarawak = Sir James Brooke

 
 
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Der "weiße Sultan"

Weiße Elefanten, das ist bekannt, sind heilig. Daraus den Umkehrschluß zu ziehen, daß weiße Sultane unheilig sind, ist nicht ganz so abwegig wie es zuerst scheint, was die folgende Beschreibung eines weiteren exotischen Briefmarkenlandes beweist:

 

Sir James Brooke

Es gibt Länder und Männer, die zu begreifen man eine ältere Ausgabe der Encyclopedia Britannica zur Hand nehmen muß. Hierzu gehört Sarawak (Die Betonung liegt auf der letzten Silbe, da "k" wird nicht gesprochen) und Sir James Brooke.

Foto 1

Das einzige Portrait des Mr. James Brooke findet sich auf der Ausgabe des Landes mit der Mi.Nr. 1

Die vier Eckbuchstaben stehen für James Brooke Radja of Sarawak. Erstraunlicherweise wurde diese Marke erst 1869 ausgegeben, also ein Jahr nach seinem Tod.

Ob sich dahinter eine Reverenz seines Neffen und Nachfolgers verbirgt, oder nicht doch eher eine versteckte Drohung an die einheimische Bevölkerung zu sehen ist, bleibt Spekulation. Beide Möglichkeiten sind aber angesichts des Wirkens von J. Brooke nicht ohne Pikanterie...

Brooke trat 1825 in den Dienst der Britischen Ostindien-Gesellschaft, sah viel vom Osten, und 1830, so das Lexikon, "unternahm er eine Reise nach China, und während der langen Fahrt unter den Inseln des Indischen Archipels faßte er den großen Plan, sie von der Barbarei zu erretten." Als er acht Jahre später, inzwischen Erbe eines beträchtlichen Vermögens, wieder nach Südostasien kam, ergab sich für ihn die günstige Gelegenheit, dem Sultan von Brunei, der die nominelle Hoheit über das ganze nördliche Borneo ausübte, aus einer Verlegenheit helfen zu können: Er schlug einen Aufstand der einheimischen Dayak nieder, berüchtigte Kopfjäger, und erhielt als Gegengabe den Titel eines Sultans von Sarawak. Nur den Titel, wohlgemerkt; für das zugehörige Land mußte er schon selber sorgen.

Diese angenehme Verfahren hat eine lange Tradition, Sizilien zum Beispiel wurde einst dem Normannen Roger als Königreich zugesprochen, obwohl dort bekanntermaßen noch arabische Fürsten auf dem Thron saßen und er sein Reich buchstäblich erobern mußte. Das störte aber niemanden, außer den ansässigen Arabern natürlich.

Foto 2

Das Gebiet des „Weißen Rajah“ in seiner heutigen Gestalt im Nordzipfel von Borneo

James Brooke also sah sich etwas um, und dies wohl in einer Weise, daß ein darüber in den früheren DEFA-Studios in Babelsberg hergestellter mehrteiliger "Abenteuerfilm mit politisch wertvoller, antiimperialistischer Tendenz" dem Verfasser heute noch in gruseliger Erinnerung ist. Trotzdem, oder deswegen, ließ der Erfolg nicht auf sich warten; englischer Stahl in Form von modernen Gewehren war Orang-Utans und Kokosnüssen selbst in unreifem Zustand eben doch überlegen. Schließlich summierten sich die Ländereien auf stolze 124.000 Quadratkilometer, deren Staatsoberhaupt Brooke nun war.

Viel Freude hatte er aber wohl nicht daran, oder vielleicht doch, denn er unternahm fast ohne Unterbrechung pausenlos Expeditionen gegen Eingeborene, "die in der Piraterie verharrten", zwang den Sultan von Sala, die "Sea Gypsies", ebenfalls eine Art von seeräubernden Einheimischen, aus seinem Herrschaftsbereich zu vertreiben, und erstürmte den Palast des Sultans von Borneo. Bei einem Angriff diesmal chinesischer Piraten auf seinen eigenen Palast in der sarawakischen Hauptstadt Kuching kam er fast ums Leben. Schade, wird so mancher Untertan gedacht haben.

Zugleich jedoch sicherte er seinem neuen Staat auch eine internationale Stellung; er wurde am 24. September 1841 zum britischen Generalkonsul für Borneo und zum Kommandanten der Kronkolonie Labuan ernannt, und war zwischen 1846 und 1868 der erste "weiße Sultan". 1863 anerkannte Großbritannien Sarawak in aller Form als souverän, als einzige europäische Macht übrigens, was zwar ein kleiner Schönheitsfehler, im Dschungel aber nicht weiter von Bedeutung war. Das ganze Spiel diente ja ohnehin nur leicht verschleiert als "Sicherung des Hinterlandes" der englischen Interesse im fernen Osten.

Doch wollten Gerüchte nicht verstummen, daß Brooke bei seinen unzähligen Feldzügen mehr von seinen Gegnern gelernt hätte, als einem Europäer ansteht; schließlich mußte er sich nach London begeben, um sich gegen Vorwürfe zu verteidigen, die gegen ihn im Zusammenhang mit dem Kopfgeld vorgebracht wurden, das er für getötete Feinde zahlte. Die Sache verlief im Sande - wie wollte man auch in England rekonstruieren, was sich in den Dschungeln von Borneo ereignet hatte? Eine eigens eingesetzte Kommission erkannte auf "nicht schuldig", aber seines Kommandos über Labuan wurde Sir James trotzdem enthoben, ein bißchen peinlich schien er wohl doch.

Inzwischen war seine Gesundheit auch recht angegriffen (von der seiner vielen Gegner sprach man lieber nicht), und er zog sich auf ein Landgut in Devonshire zurück. Dieses Gut war auf dem Wege einer öffentlichen Subskription extra für ihn erworben worden, mit fremdem Geld natürlich. Nur Blinde können übersehen, daß hier ein Bluthund der besonderen Art erst von der Leine gelassen und nach erfolgreicher "Säuberung" mit einem dicken Schweigegeld in die Reserve zurückgeholt worden war. Noch zweimal allerdings mußte/durfte er sie wieder verlassen, um seinem alten Handwerk erneut nachzugehen, es galt jedesmal, neue Rebellionen in Sarawak niederzuschlagen, was er mit gewohnter Perfektion erledigte. Ein schöner Lebenslauf, der da 1868 endete.

Das Charakterurteil der Encyclopedia lautet: "Er bewies außergewöhnlichen Mut sowohl bei seinen Konflikten im Osten als auch bei den Anklagen, die in England gegen ihn erhoben wurden." Den Mut in England, möchte man hinzufügen, benötigte er wohl besonders deshalb, weil er ihn zuvor im Osten bewiesen hatte.

Ihm folgte sein Neffe Charles Brooke 1868 auf den Thron, diesem wiederum dessen Sohn Charles Vyner Brooke. 1888 überließ der Sultan die äußeren Angelegenheiten England; dafür wurde ihm später der Titel "Seine Hoheit" verliehen, billiges Regierungstalmi als Gegenleistung für die Übergabe aller wesentlichen Machtangelegenheiten.

Das Briefmarkendrucken allerdings galt wie stets als innere Angelegenheit, und hier ereignete sich durchaus Bemerkenswertes. Zunächst kam 1871 ein Wert mit dem Portrait des Radja Charles Brooke zum Verkauf, der 1875 durch weitere fünf Werte im gleichen Muster ergänzt wurde. In ihren gedeckten Farben und dem bescheidenen Entwurf stellen sie keine Glanzlichter der frühen Philatelie dar, sind aber nicht sonderlich häufig zu finden. Insbesondere die Zähnung darf als „schwierig“ bezeichnet werden, das dicke und sehr weiche Papier macht es fast unmöglich, völlig einwandfreie Exemplare zu finden.

Foto 3

Ausgabe 1871        Ausgabe 1875

Die Eckbuchstaben blieben erhalten, weisen jetzt aber mit einem „C“ auf Charles Brooke hin. Es müssen sich recht große Bestände lange Zeit erhalten haben, ein reines Wunder in den Tropen, denn 25 Jahre später kamen einige der alten Werte erneut zu Ehren, diesmal mit dem Überdruck neuer Wertstufen, wo sie so lange vor Termiten und Taifunen sicher gelagert hatten, ist ein Rätsel. Die Farbe dieser Aufdrucke ist recht spröde, man findet oft verstümmelte Angaben, was dann kein Druckfehler ist, sondern auf abgeplatzte Farbpartikel zurückgeführt werden muß.

Briefmarken

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Aufdruckausgaben nach 25 Jahren

 

Vor der Herstellung dieser eigenartigen Aushilfsausgabe scheint sich aber mit der Übertragung der außenpolitischen Befugnisse an England im Jahre 1888 auch der Markengeschmack des Mutterlandes durchgesetzt zu haben, denn die in diesem Jahr erschienene Serie von zehn Marken, wieder mit dem jetzt schon leicht gealterten Sir Charles Brooke, entspricht in Größe, Aufmachung und Farbgebung recht genau den weltweit üblichen Ausgaben der Krone. Sie wurde von der Druckerei De la Rue produziert, die trotz ihres französisch klingenden Namens ein rein englischer Betrieb ist.

Briefmarken

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Die typischen Kolonialserien aus den Jahren 1888
(3 C und 10 C) und 1899 (25 C und 50 C)

 

Es könnte aber sein, daß sich das in Sarawak nicht herumgesprochen hatte, denn nach einigen weiteren Aufdruckprovisorien stellte man 1895 eine neue Serie von vier Werten her, die, angeblich aus Versehen, bei Perkins, Bacon & Co in London produziert worden ist. Es muß ganz ordentlich hinter den Kulissen gedonnert haben, denn alle nachfolgenden Marken kamen wieder aus dem angestammten Haus De la Rue, der Philatelie hat allerdings der Ausrutscher nicht geschadet, im Gegenteil.

Diese vier Marken stechen in Ausführung und kräftiger Farbgebung ganz erheblich aus dem Einheitsbrei der vorherigen und nachfolgenden Marken heraus, zumal jeder einzelne Wert auch ein deutlich anderes Markenbild zeigt. Nur der schon wieder etwas ältere Sir Charles findet natürlich erneute Verwendung, wenn auch diesmal nach links sehend und mit einer Krawatte versehen, man wird langsam seriöser.

Briefmakren

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Die vier Werte von 1895, Perkins, Bacon & Co

 

Als Charles Vyner Brooke, dann schon im 20. Jahrhundert, von seinem Vater 1917 Amt und Titel übernahm, gab es kaum noch übergeordnetes Interesse an seinem Dschungelreich, und weil fehlendes Interesse immer auch fehlende Zuwendung bedeutet, kam er richtig zu dem Schluss, es sei wohl das Beste, sich des ganzen unklimatisierten Ländchens irgendwie zu entledigen. Was lag also näher, als den Laden einfach wieder an die Einwohner zurückzugeben, sie waren durch ihre ewige Aufmüpfigkeit ja selber an dem Desaster schuld. Wenn man ihn auf seinen Briefmarken so anschaut, könnte man ihn wirklich für einen seriösen Kaufmann mittleren Alters halten.

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Charles Vyner Brooke auf der Ausgabe von 1918/1928

 

Zum 100. Jahrestag der Staatsgründung 1941 wollte er also, inzwischen dritter Sultan und seit 1917 sogar „Seine Hoheit Sir Charles Vyner Brooke“, dem bisher absolut regierten Land eine Verfassung und ein Parlament zum Geschenk machen, da kamen die Japaner und besetzten es unter Erzeugung eben jener Art von Blutspur, die einst auch zu der Entstehung des Landes geführt hatte, Ironie des Schicksals?

Die Besatzer griffen sich einfach die vorgefundenen Markenbestände und setzten einen Aufdruck in ihrer eigenen Sprache darüber, das reichte für die kurze Zeit ihrer Anwesenheit, und 1945 nahmen sich die Herren der britischen Militärverwaltung den immer noch nennenswerten Restbestand zu erneutem Überdruck, jetzt mit ihrem eigenen Zeichen BMA. Eine letzte Zumutung leistete man sich 1946 mit einer Sondermarke zur Hundertjahrfeier der Regierung durch die Familie Brooke, auf der alle drei Sultane brav vereint den Betrachter ansehen, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Die Einheimischen dürften ihre helle Freude an der Marke gehabt haben, und von einem Geschenk war auch nicht mehr die Rede.

Im April des selben Jahres wurde Sarawak vom Sultan an die britische Krone auch formell abgetreten, zu sagen hatte er ja ohnehin schon lange nichts mehr, und sein Vermögen trat er natürlich nicht mit ab, törichter Gedanke!

Die Briten blieben noch bis 1963, die aus dieser Zeit stammenden Marken sehen aus wie alle anderen des Commonwealth und dürften überall bekannt sein. Heute ist Sarawak Teil Malaysias.

Florian Brouwers

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aktualisiert am: 17.02.2015